An.schläge, Das Feministische Magazin, Ausgabe VIII/2019

Angst in den Knochen

Mein Körper speichert Gefühle wie Freude, Angst, Wut, Trauer und Schuld. Alles wird komprimiert,
vakuumverpackt und eingelagert in meinen Muskeln und Gelenken. Sauber abgefüllt können sie
trotzdem jederzeit auslaufen. Bitte nicht schubsen, ich habe Versagensängste im Rucksack. Am
meisten kleben genau jene Gefühle, die ich nicht will. Die Wut, die in mir aufsteigt und meine Kehle
zuschnürt, wenn jemand meine Grenzen überschreitet. Dann schau ich runter, tue so, als hätte ich
das eh nicht gesehen und eh nicht gehört. Die Bemerkung über meine Hautfarbe, das war schon
nicht rassistisch gemeint. „Das war doch ein Kompliment”, wiederhole ich ganz brav in meinem Kopf.
Dann gibt es noch die Angst, unvorbereitet, unwissend und ungenügend zu sein. Nicht gleich eine
Antwort zu haben. Mich zu verhaspeln. Dass die anderen merken, dass ich gar keine Ahnung habe
und es trotzdem geschafft habe, mich sogar in diese Kolumne hier reinzumogeln. Diese Angst schiebt
meine Schultern vor, meinen Nacken runter. Macht mich einen Kopf kürzer und somit gleich viel
umgänglicher für das Patriarchat. Ich habe Angst, die vielen Projekte nicht alle (rechtzeitig) zu
schaffen, dabei muss natürlich genug Zeit für den Aktivismus bleiben. Mein „Alles klar, wir sehen uns
am Donnerstag auf der Demo” beißt sich durch meine Stirn in mein Gewissen, während ich mich
zuhause mit verspannten Schultern über meine Erschöpfung und meine Müdigkeit ärgere – und auch
darüber, wie der Kreis sich schließt: Um funktional für das System zu sein, habe ich gelernt meine
Gefühle abzuwürgen und meinen Körper unterzuordnen. Und genau deshalb funktioniert auch das
System. Das muss schon sehr früh passiert sein, denn ich atme fast genauso viel Luft ein wie in
meiner Kindheit, obwohl sich meine Lungen bestimmt verdoppelt haben. Aber mir reicht
anscheinend mein flacher Atem, der nur bis zum Hals reicht, obwohl er noch tiefer und weiter gehen
kann und will. Denn mein Körper will das alles nicht. Er will die ganze Luft einatmen und die ganzen
Gefühle fühlen und gleich antworten, wenn es etwas zu sagen gibt. Gleich „Stopp” sagen: Hier geht
es nicht weiter, denn hier bin ich.